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Bahn und Post, 150 Jahre Zusammenarbeit

Referat von Karl Kronig, stv. Direkor Museum für Kommunikation, Bern

Gehalten anlässlich der Einweihung des Postrolli am 9. August 1997
in der Halle des Hauptbahnhofes Zürich

Es freut mich, auf Einladung des Vereins Tram-Museum Zürich hier an diesem geschichtsträchtigen Ort und in diesem festlichen Rahmen zu Ihnen sprechen zu dürfen. Als verantwortlicher Konservator für Post- und Verkehrsgeschichte am Museum für Kommunikation in Bern - wohl noch immer besser unter seinem alten Namen PTT-Museum bekannt - finde ich es besonders verdienstvoll, dass das Tram-Museum Zürich mit seinem Engagement einen interessanten Bereich der Alltagsgeschichte, der bereits in Vergessenheit geraten war, wieder aufleben lässt.

Das grosse Verdienst um den Nachbau des Postrollwagens der Limmattal - Strassenbahn kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Besonders wenn man bedenkt, dass sich die Zeugnisse über den Posttransport mit Strassenbahnen in der Schweiz fast nur noch auf dürftige Bildquellen wie Ansichtskarten beschränken. Das für die Rekonstruktion des Postwagens verantwortliche Team kann davon ganz bestimmt ein Lied singen. Im Zusammenhang mit der Nachbildung der zwei am Postwagen befestigten Briefkasten durfte ich die ganze Problematik wenigstens am Rande miterleben.

Lassen Sie mich zum Thema Bahn und Post etwas weiter ausholen. Der Titel meines kurzen Referates soll nämlich daran erinnern, dass das mit viel öffentlichem Interesse begangene 150 Jahre- Jubiläum der Schweizerischen Eisenbahnen gleichzeitig auch das 150jährige Jubiläum der Bahnpost in der Schweiz darstellt.

150 Jahre Zusammenarbeit Bahn und Post also - oder von der Konkurrenz zur Zusammenarbeit - wie es treffender heissen sollte, denn die Eisenbahnen stellten Mitte des letzten Jahrhunderts für die seit 1849 Eidgenössische Postverwaltung in erster Linie eine Konkurrenz auf dem Sektor der Personenbeförderung dar. Das heisst, die Bahnen nahmen der Post die einträglichsten, weil bestfrequentierten Kurse im Mittelland weg und verdrängten die Postkutsche auf die noch nicht eisenbahnmässig erschlossenen Regionen mit entsprechend unrentableren Strecken. Das fiel ganz besonders ins Gewicht, weil damals die Personenbeförderung der wichtigste Betriebszweig der Post war.

Trotz dieser Interessenkonflikte nutzte die Post das neue, technisch überlegene Verkehrsmittel von allem Anfang an nicht nur für die Postbeförderung, sondern auch für die Personenbeförderung. Für die Strecke Zürich - Baden traf die Post mit der Bahnverwaltung bereits 1847 eine Vereinbarung, damit die Passagiere des Berner Eilpostwagens per Bahn weiterbefördert werden konnten.

Die eigentliche Bahnpost-Aera - mit speziellen für den Posttransport konzipierten Bahnpostwagen begann etwa zehn Jahre später, mit der ersten grossen Ausbauphase des Schweizerischen Schienennetzes. Die Postverwaltung mietete in der Anfangszeit die Bahnpostwagen von den verschiedenen Bahngesellschaften, bis es zu Auseinandersetzungen über die Mietkosten kam. 1866 kaufte die Postverwaltung die damals existierenden 24 Bahnpostwagen an und war fortan selbst um die Beschaffung der Bahnpostwagen besorgt.

Heute sorgen gegen 500 Bahnpostwagen auf dem schweizerischen Schienennetz für die Postbeförderung. Der traditionelle Bahnpostdienst mit der Sortierung der Postsendungen im fahrenden Bahnpostwagen konzentriert sich aber vor allem noch auf die Nacht und die frühen Morgenstunden und sorgt hauptsächlich dafür, dass die Tageszeitungen rechtzeitig bei ihren Lesern eintreffen. Die Sortierung der anderen Postsendungen erfolgt heute weitgehend in den grossen Postzentren.

Die Post wurde aber nicht nur mit den Eisenbahnen befördert, sondern auch auf Strassenbahnen - dieser Tatsache verdanken wir schliesslich auch unseren heutigen Festanlass - ja sogar Trolleybus- Anhänger und U-Bahnen wurden in der Schweiz zur Postbeförderung eingesetzt, davon aber etwas später.

Die Geschichte der Postbeförderung auf schweizerischen Strassenbahnen begann gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Als erstes soll bereits 1882 ein Postanhänger beim Pferdetrambetrieb in Biel im Einsatz gestanden haben. Die Blütezeit begann etwa um 1900 und zwar in den Städten Neuenburg, Biel und - man höre und staune - auf der Strecke Schlieren - Weiningen der Limmattal - Strassenbahn. Hier verkehrte das Vorbild unseres Postrollwagens zwischen 1901 und 1910. Gekostet hatte der Rollwagen damals Fr. 1400.--, die von der Eidgenössischen Postverwaltung getragen wurden. Für die Postbeförderung vergütete die Post der Limmattal - Strassenbahn jährlich Fr. 1100.--, was etwa rund einem Prozent der damaligen Gesamteinnahmen entsprach. Zum Vergleich: Der Biertransport ins durstige Zürich brachte der Gesellschaft gleichzeitig den vier- bis fünffachen Ertrag ein.

Der Star dieser Veranstaltung - unsere Rekonstruktion des Postrollwagens - ist also ein Zeitzeuge der ersten Stunde. Dass es sich dabei nicht bloss um einen kuriosen Sonderfall handelt, davon soll die folgende Zahl überzeugen. In der Zeit um 1910 sind in der Schweiz nach Schätzungen rund 20 derartige oder ähnliche Post-Anhänger im Einsatz gestanden; sie gehörten also in den meisten städtischen Agglomerationen zum Alltagsbild. Diese Blüte des Posttransportes auf Strassenbahnen dauerte aber nicht sehr lange und ist wohl auch deshalb schlecht dokumentiert. Hinweise darauf findet man etwa noch auf historischen Ansichtskarten. Originalfahrzeuge existieren meines Wissens keine mehr, sind doch fast alle spätestens kurz nach dem zweiten Weltkrieg ausser Betrieb gesetzt worden. So ist es das grosse Verdienst der Verantwortlichen des Tram-Museums Zürich, mit ihrer Rekonstruktion des Postrollwagens einem interessanten verkehrshistorischen Phänomen neues Leben eingehaucht zu haben.

Abschliessend sei mir noch etwas Werbung in eigener Sache gestattet. Wussten Sie, dass die PTT sogar einen Bahnpost-Trolleybusanhänger betrieben hat? Das Museum für Kommunikation hat diesen Sonderling, der zwischen 1952 und 1982 zwischen Thun und Beatenbucht im Einsatz stand, der Nachwelt erhalten, genauso wie zwei Generationen einer Post-U-Bahn.

Was die Stadt Zürich nicht geschafft hat, im kleinen existiert es seit über sechzig Jahren - eine U- Bahn. Einige Schritte von hier und nur wenige Meter unter dem Boden verbindet nämlich seit der Eröffnung der Sihlpost anfangs der 1930er Jahre eine Post-U-Bahn die Poststelle im Hauptbahnhof mit dem Zürcher Postzentrum. Das Fahrzeug einer älteren Generation dieser Post-U-Bahn kann heute im Museum für Kommunikation in Bern in Aktion erlebt werden.

Es freut mich natürlich ganz besonders, dass ich in meinen Kollegen vom Tram-Museum Zürich Verbündete zur Bewahrung wichtiger postgeschichtlicher Objekte gefunden habe. Ihnen gebührt an dieser Stelle mein spezieller Dank. Ich wünsche den Tram-Museum und ganz besonders dem Postrolli der Limmattal - Strassenbahn eine erfolgreiche und kilometerträchtige Zukunft.

Karl Kronig
Museum für Kommunikation
Stv. Direktor

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Letzte Änderungen: 30.08.2006


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