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45 Zürcher Tramfreunde haben das wegen des Knabenschiessens verlängerte zweite September-Wochenende für einen Besuch der Strassenbahnbetriebe und der Trammuseen von Brüssel und Antwerpen genutzt. In beiden Städten sind wir aufs Herzlichste empfangen worden.
In Couchettes und Schlafabteilen des Nachtzuges von Chur nach Brüssel räderten wir in der Nacht vom 7. auf den 8. September 2001 gen Europa’s Hauptstadt. Bereits um 6:45 Uhr in der Frühe traf unsere Fuhre im Bahnhof Brüssel Midi / Zuid ein, wo wir von unserem vorbildlichen Reiseleiter Tommy Grünberg zuerst sehr gewissenhaft zusammengesammelt, auf Vollständigkeit kontrolliert und anschliessend unter Tommy’s Leitung in die Unterwelt der Brüsseler U-Bahn verschoben wurden. Mit der U-Bahn-Linie 2 fuhr die ganze Gruppe bis zur Haltstelle „Botanique-Kruidtuin", in deren Nähe unser Hotel lag. Zu Fuss ging’s dorthin, um zuerst unser Gepäck zu deponieren und danach ein wahrhaft reichhaltiges Frühstück einzunehmen. Tat das gut! Die Lebensgeister erwachten wieder und wir wurden uns gewahr, dass wir in einem prächtigen Komforthaus wohnen sollten.
Um 8 Uhr spazierten wir zur ganz in der Nähe gelegenen Kirche Sainte-Marie, vor der uns ein Extratram zu einer ausführlichen Stadtrundfahrt erwartete. Fast vier Stunden lang befuhren wir mit einem Brüsseler 5000er, einem Vierachser aus dem Jahr 1935, weite Teile des äusserst umfangreichen Brüsseler Tramnetzes. Die STIB/MIVB, wie sich Brüssels VBZ abgekürzt in walonisch und flämisch nennt, betreibt 3 U-Bahn-Linien, 15 Tram- und 45 Buslinien. Viele Strassenbahnlinien sind viel länger, als wir uns von Zürich her gewohnt sind. Es hat uns sehr erstaunt, dass wir während dieser ganzen Rundfahrt kaum je ein Streckenstück zwei Mal befahren mussten. Was zeigt eindrücklicher die gewaltigen Dimensionen des Brüsseler Tramnetzes? Dazwischen wurde die Fahrt für einige interessante Fotohalte unterbrochen. Zweifellos der eindrücklichste war jener vor dem weltberühmten Brüsseler „Atomium", erstellt anlässlich der Weltausstellung von 1958.
Bereits im Extratram schlossen wir Bekanntschaft mit den uns begleitenden Kollegen unseres Brüsseler Schwestervereins. Liebenswürdig und geduldig beantworteten sie unsere Fragen. Zwischendurch ermöglichten die unseren unersättlichen Fotografen den einen oder anderen Extra-Fotohalt. Fotohalte gibt es bekanntlich ja nie genug!
Gegen Mittag endete die Rundfahrt vor Brüssels Trammuseum. Dieses Museum ist wahrhaftig eine Sehenswürdigkeit und spannt einen weiten Bogen quer durch 100 Jahre Geschichte des öffentlichen Nahverkehrs! Angegliedert an ein immer noch in Betrieb stehendes Tramdepot sind zwei stillgelegte Einstellhallen mit je vier langen Gleisen in ein mustergültiges Museum verwandelt worden. Die eine Hälfte der Anlage ist immer noch mit dem Tramnetz verbunden, die andere Hälfte wird zur Ausstellung von nicht mehr fahrfähigem Material genutzt. Das äusserst umfangreiche Ausstellungsgut befindet sich in bestgepflegtem Zustand. Vom Original-Rösslitram über einige Überlandfahrzeuge bis hin zu erst kürzlich aus dem Betrieb zurückgezogenen Strassenbahnfahrzeugen findet sich hier alles, was ein Trämlerherz höher schlagen lässt. Genau so stellen sich einige von uns den Himmel vor!
Eigentlich wollten wir im Museums-Restaurant mittagessen. Das haben wir denn auch getan. Obwohl das Mittagessen äusserst lecker war – schliesslich gilt Brüssel auch als eine der kulinarischen Hauptstädte Europas – begnügten sich einige von uns mit kaltgewordenen Speisen. Die überschwappende Begeisterung hat’s halt nicht zugelassen, dass sich alle rechtzeitig am Tisch eingefunden haben. Angesichts der besonderen Umstände liess man mildernde Umstände gelten.
Der Nachmittag stand uns zu freier Verfügung. Die meisten nutzten die Gelegenheit, um eine der beiden Museumstramlinien zu erkunden. Beide Linien beginnen und enden direkt beim Museum.
Ganz in der Nähe unseres Hotels nahmen wir gemeinsam ein vorzügliches Nachtessen ein. Der Restaurateur des „le Chambord" nahm extra für uns seine erst halbfertige Dépendance in Betrieb, um den ganzen Haufen aus Zürich in einem Raum bewirten zu können.
Der 9. September, der zweite Tag unserer Belgienreise, stand ganz im Zeichen der Antwerpener Strassenbahn. Von Bruxelles Nord aus brachte uns ein IC in gut einer halben Stunde nach Antwerpen Berchem, einem nördlich des Stadtzentrums gelegenen Vorstadtbahnhof. Zu Fuss ging’s ins Antwerpener Strassenbahnmuseum, das einen völlig anderen Charme ausstrahlt als dasjenige in Brüssel: Das erst seit Mai 2001 geöffnete „VTA Vlaams Tram- en Autobusmuseum" ist in einem stillgelegten, denkmalgeschützten Tramdepot untergebracht. Das äusserst stimmungsvolle Depot macht keineswegs einen museumsmässigen Eindruck, sondern erscheint fast wie ein normal betriebenes Depot während der Sonntagsruhe. Und so liess sich denn trefflich darüber streiten, welches der beiden in Belgien besuchten Museen denn das (noch) Schönere sei. Der Berichterstatter möchte sich hierzu nicht äussern, aber soviel steht fest: Beide Museen überzeugen auf ihre eigene Weise, dies vielleicht gerade wegen ihrer völlig unterschiedlichen Konzepte.
Auch in Antwerpen ist eine sehr reiche und mustergültig gepflegte Sammlung historischer Strassen- und Überlandbahn-Fahrzeuge erhalten geblieben. An den vielen Schönheiten konnten wir uns kaum sattsehen. Auch hier wurden wir von Kollegen des Antwerpener Schwestervereins freundschaftlich und kompetent empfangen und geduldig durch die reichhaltige Sammlung geführt.
Unterdessen hatte es begonnen, Bindfäden zu regnen. Nach dem Mittagessen – in der „Taverne Hof van Nauwelaerts" gab es „Antwerpse Stoverij met Bier de Konnink met Ritse" – bestiegen wir den ältesten, aus dem Jahr 1960 stammenden Antwerpener PCC-Wagen mit der Nummer 2000. Nachdem De Ljin, die Betreibergesellschaft der Strassenbahnbetriebe von Antwerpen und Gent, soeben bei Siemens eine zweite Serie von Niederflur-Strassenbahnwagen bestellt worden ist, zeichnet sich in Antwerpen das Ende dieser legendären PCC-Fahrzeuge ab.
Eigenartig war es schon ein wenig, dass sich unser PCC-Tram partout weigerte, in den Innenstadttunnel einzutauchen. Bei der Einfahrt sprach die automatische Zugsicherung an und liess sich weder durch gutes Zureden noch mit roher Gewalt davon abbringen, uns in den Tunnel fahren zu lassen. So blieb unseren Antwerpener Betreuern nichts anderes übrig, als unseren Zug in Rückwärtsfahrt hinter die nächste Weiche zurückzustellen und von dort aus die Fahrt oberirdisch fortzusetzen. Uns war’s so auch recht.
Leider mussten wir die schöne Stadt Antwerpen durch einen dicken Wasservorhang betrachten, da der heftige Dauerregen hartnäckig anhielt. Deshalb hielt sich die Zahl der Fotohalte auch in Grenzen. Im neuen Tramdepot, das in einer stillgelegten Autofabrik eingerichtet worden ist und wo De Ljin deshalb einige Kompromisse eingegangen ist, schalteten wir einen halbstündigen Zwischenhalt ein – inmitten von Dutzenden der derzeit noch allgegenwärtigen PCC-Wagen.
Das weiterhin unfreundliche Wetter hielt die meisten von uns davon ab, das Stadtzentrum anschliessend zu Fuss zu erkunden. Schon lange vor der Besammlungszeit traf sich ein grosser Teil unserer Gruppe zu einem Bier im monumentalen Antwerpener Hauptbahnhof.
Wieder zurück in Brüssel stand uns der Sonntagabend zur freien Verfügung. Viele von uns zog es an die „Rue des Bouchers", die bemerkenswerte Brüsseler Adresse für Feinschmecker.
Am Knabenschiessen-Montag trafen wir uns bereits um 7 Uhr zum Frühstück. Um 8 Uhr deponierten wir unser Gepäck im Bahnhof Midi / Zuid und warteten auf unseren einheimischen Reiseführer, der uns anschliessend 2 Stunden lang zuerst in zwei Tramwerkstätten, dann in ein grosses Depot lotste. Die STIB/MIVB-Mitarbeiter staunten nicht schlecht, als sich eine wilde Zürcher Horde mit Fotoapparaten, Videokameras und Blitzlichtern über ihre Arbeitsstätte her machte.
Der späte Vormittag stand nochmals zur freien Verfügung. Um 12 Uhr traf sich die ganze Gruppe am Gepäckschalter des Bahnhofs Brüssel Midi / Zuid. Bepackt mit Riesen-Pralinées und anderen Brüsseler Spezialitäten für die Daheimgebliebenen bestiegen wir den Eurocity nach Hause. Im belgischen Speisewagen wurde uns ein hervorragendes Mittagessen serviert und wir erhielten Gelegenheit, unsere letzten belgischen Francs zu verflüssigen.
Berhard Studer
Letzte Änderungen: 30.08.2006
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