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Ernennungs-Urkunde der Städtischen Strassenbahn

aus TMZ-Revue 3/93

Ein Vertreter der einst grössten Berufsgruppe der StStZ, Kondukteur im Ruhestand, Anton Jakober, erinnert sich:

Während Bilder, Pläne, Fachartikel und technische Unterlagen in unserem Archiv viel Raum einnehmen, sind Berichte aus den Alltag und dem Leben der Strassenbahner selten. 1992, anlässlich des Tram - Festes, erhielt das Archiv des Tram-Museums die abgebildete "Ernennungs-Urkunde". Donator ist der in der Urkunde aufgeführte Anton Jakober, heute 87jähriger Strassenbahner im Ruhestand.

Nachfolgend einige seiner Erinnerungen, welche wir freundlicherweise einem grösseren Kreis zugänglich machen dürfen:

"Ich kam als gebürtiger Glarner, nachdem ich einige Zeit in Basel in meinem Beruf als Bäcker gearbeitet hatte, nach Zürich und fand dort eine Anstellung bei der Städtischen Strassenbahn. Nach 43 Jahren und 2 Monaten beim Tram wurde ich 1971 pensioniert. Zuerst erhielt ich eine Ausbildung als Kondukteur und war dann während drei oder vier Jahren Kondukteur-Ablöser. Ich arbeitete in keinem festen Turnus, sondern hatte mich täglich auf dem Rapport darüber ins Bild zu setzen, in welchem Depot und auf welcher Linie ich Dienst zu leisten hatte. Als ich das zweite Jahr bei der Strassenbahn angestellt war, heirateten wir; der Lohn betrug nach den Abzügen Fr. 300.- im Monat. Die Trambillette kosteten damals für 1-3 Teilstrecken Fr. -.20, für 4- 5 Teilstrecken Fr. -.30 und die teuersten Billette kosteten Fr. - .40. Neben der Städtischen Strassenbahn existierten noch das Oerliker Tram und die Limmattal-Strassenbahn. Doch von der Burgwies her hatten wir kaum Kontakt zu den Kollegen der fremden Verwaltungen. Schliesslich erhielt ich nach drei oder vier Jahren als Ablöser einen festen Turnus. Zuerst war ich dem Depot Burgwies zugeteilt, 1933 wechselte ich dann ins Depot Hard.

Ich erinnere mich noch gut an den kalten Winter 1928/29, es gab damals ja eine Seegfrörni. Wir hatten noch die kleinen, offenen Anhängewagen und nachdem ich als Kondukteur die Fahrgäste bedient hatte, musste ich mich reglementsgemäss auf der hinteren Plattform, in Kälte und Durchzug, aufstellen. Da nützte auch der unter der Uniform getragene private Pullover nicht allzu viel. Schliesslich wurde ich krank und suchte am Römerhof einen Arzt auf. Dieser wies mich sofort ins Theodosianum am Klusplatz ein, da ich eine verschleppte Brustfellentzündung hatte. Eltern und Geschwister besuchten mich dort, denn ich war ernstlich erkrankt. Nach drei Monaten konnte ich schliesslich das Spital verlassen, musste dann aber noch für ein halbes Jahr zur Erholung in ein Sanatorium nach Braunwald.

Früher hatten wir Kondukteure noch keinen Syro-Wechsler. Statt dessen besass jeder eine bauchige Tasche mit zwei Messingbügeln als Verschluss, ähnliche besassen die Milchmänner. Ich kann mich erinnern, als ich auf einer Ersatztour von der Rehalp stadteinwärts fuhr; ging ich mit offener Tasche durch den Wagen. Bei der Burgwles merkte ich, dass ein Fahrgast in die Tasche griff. Daraufhln schlug ich die Messingbügel kräftig zu; dem Bösewicht wurden die Finger gehörig eingeklemmt, ja sie bluteten sogar! Am Hedwigsteig verliess dann der Mann das Tram - ohne ein Wort zu sagen.

An wichtigen Plätzen wie Hauptbahnhof, Bellevue und Paradeplatz hatten wir Kondukteure auszusteigen und vor dem Wagen das Ziel der Fahrt auszurufen. Unterliess der Kondukteur das, so riskierte man, von einem Kontrolleur rapportiert zu werden und daraufhin durch die Verwaltung als Disziplinarstrafe einen Verweis zu erhalten. Dasselbe passierte, wenn der Stehkragen mit den "Chrälleli" nicht mit den beiden Häkchen geschlossen war.

Ich hatte in einem Jahr kein Glück, und kassierte vier Verweise. Glücklicherweise wurden sie nach einer gewissen Zeit wieder gelöscht.

Vom Depot Hard aus bedienten wir natürlich andere Linien als in der Burgwies, so auch den "Zwölfer" vom Escher-Wyss-Platz zum Sportplatz Hardturm. Ja, damals sah diese Gegend noch ganz anders aus: Die Hardturmstrasse war noch eine zweireihige Allee, die Bernoulli-Häuser standen schon und in der Spinnerei arbeiteten viele Menschen. Immer zu Weihnachten erhielten die Spinnereiarbeiter von der Firma Esswaren als Geschenk. Wir vom Tram bekamen von den Fahrgästen kaum etwas, vielleicht einmal einen Zehner als Trinkgeld. Der "Zwölfer" war ein richtiges Familientram; man kannte sämtliche Fahrgäste und die Passagiere kannten uns. Bei einem Dienst mussten wir auf dieser kurzen Strecke 18 bis 22 Touren machen und am Escher-Wyss-Platz über den Gleiswechsel wenden.

In den Dreissiger Jahren gab es dann viele Arbeitslose. Man erkannte sie gut, wenn sie am Limmatplatz ins Tram einstiegen und bis zum Helmhaus lösten; dort mussten die Leute beim Arbeitsamt stempeln. Ich gab manchem den Ratschlag, er solle nur bis Rathaus fahren, dann spare er 10 Rappen, weil es dann eine Teilstrecke weniger war. Aber nur wenige waren für diesen Hinweis dankbar, viele meinten, das ginge mich gar nichts an. Nach meiner Tätigkeit als Kondukteur stieg ich zum Abrechner auf. Damals mussten alle Kondukteure die Tageseinnahmen abrechnen und neue Billette beziehen. Während 2-3 Jahren machte ich das als Aushilfe in allen Depots, dann war ich während 16 Jahren im Depot Hard Abrechner. Da sämtliche Angestellte den Zahltag noch in bar erhielten, war Ende Monat immer viel zu tun, denn die Abrechner mussten auch den "Zahltagmachen". Für die normalen Abrechnungen kam dann ein Kollege zu Hilfe.

Ende der Sechziger Jahre war dann die Selbstbedienung auf fast allen Tramlinien eingeführt, es brauchte viel weniger Kondukteure und Abrechner. Das war der Grund, dass ich in die Zentralabrechnung wechselte, wo ich schliesslich im Januar 1971 pensioniert wurde. Dabei ereignete sich noch eine lustige, aber angenehme Begebenheit. Ein Jahr nach der Pensionierung wurde ich noch rückwirkend befördert, damit war auch eine Lohn- bzw. Pensionserhöhung verbunden! Dies verdankte ich einer Besoldungsrevision, welche rückwirkend in Kraft trat."

So weit einige Erinnerungen des ehemaligen Kondukteurs und Abrechners Anton Jakober.

Für die städtischen Arbeitnehmer brachte der Einsatz der Gewerkschaften manche Verbesserungen ihrer sozialen Verhältnisse: 1903 Anstellung im Monatslohn, 1907 neunstündige tägliche Arbeitszeit, 1913 Schaffung der Städtischen Versicherungskasse (Pensionskasse), 1919 Achtstundentag (48-Stunden-Woche), 1927 Erlass des Personalrechtes.

Dieses Personalrecht regelt heute noch Rechte und Pflichten der Arbeitnehmer und des Arbeitgebers, der Stadt Zürich, Eine Eigenheit öffentlicher Dienstverhältnisse besteht darin, dass sie sich nicht am privaten (Obligationen-) Recht orientiert, sondern am öffentlichen Recht. Das war schon bei Kondukteur Jakober so. In der Ernennungs-Urkunde wird auf eine Verfügung (Erlass) des Bauvorstandes II vom 20. Juli 1928 Bezug genommen. Diese Verfügung des Stadtrates beinhaltet die Anstellung bei der StStZ und ist vom Arbeitnehmer nicht zu unterzeichnen, da es sich nicht um einen Vertrag handelt. Für ausserhalb der Verwaltung stehende scheint das seltsam zu sein, doch verhält es sich heute noch so. Im Falle von Dienstpflichtverletzungen kommt auch heute noch zusätzlich zum Strafrecht das Disziplinarrecht der Verwaltung zur Anwendung. Es sieht folgende Massnahmen vor: Verweis, Busse, Versetzung, prov. Anstellung, Entlassung. So sind wir über unsere Ernennungs-Urkunde von 1928 bei einem sehr aktuellen Thema gelandet: der Abschaffung des Beamtenstatus.

Martin Schnider

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Letzte Änderungen: 10.10.03


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