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aus der VBZ-Personalzeitschrift Kontakt 5/92
Es begann eigentlich alles recht harmlos. Mit drei Jahren von zu Hause weggelaufen, um beim nahen Bahnhof Wiedikon von der Brücke aus die ein- und ausfahrenden Züge zu bestaunen, musste dem wunderfitzigen Knaben, als er vier war, der Vater ein Omnibusmodell aus Holz zum Draufsitzen basteln. Kein besonderes zwar, doch es war ein robustes Modell der neuesten Frontlenkergeneration um 1950 und hat manche Jahre ein immer schwerer werdendes Knabengewicht geduldig getragen. Das VBZ-Züriblau dazu stammte aus dem Tramdepot Elisabethenstrasse.
Viel später war das Busmodell verschwunden und mit ihm auch die alten Autobusse mit der imposanten Kühlerhaube. Der Knabe war inzwischen auch älter geworden und hätte schon damals - um 1964 - liebend gerne einen der letzten beiden Vorkriegsbusse Nrn. 211 und 224 der Aera «Oberst Bräm» (Chef des Autobusdienstes) erworben. Doch es fehlten, ausser dem Interesse, das Geld, der Platz und auch der Führerschein. Zudem waren dem heranwachsenden, pubertierenden Jüngling nun auch andere «wichtigere Dinge» zugetan, wovon ein inzwischen erworbenes 15jähriges Automobil die billigere Variante war. Schon während der Lehrzeit ein Auto zu besitzen, war nicht alltäglich.
Nun in Schwamendingen wohnhaft. faszinierten mich die neueren Hochlenkautobusse auf der Linie 62 mit ihrem «Giraff» genannten Aufsatz der Fahrerkanzel. Zu gerne hätte ich wenigstens einmal auf so einem Hochsitz gesessen. Nicht auszudenken, wenn aparte Chauffeusen, wie man sie heute oft im Cockpit eines Autobusses sieht damals solche Wagen gefahren wären. Es hätte einen Auflauf der Herren der Schöpfung gegeben ob den oben thronenden Amazonen in ihren Jupes. - Es sei auch an jene Episode erinnert als Fahrer Kastor Huser 1959 mit dem brandneuen Bus 219 (später 239) den frischgebackenen Bundesrat Willy Spühler zu Ehren seiner Wahl am Hauptbahnhof abholte. W. Spühler meinte denn auch spontan, es wäre das erste Mal, dass er zu einem Chauffeur hochblicken müsse, worauf von oben schlagfertig und trocken die Antwort kam, schliesslich schaue man ja auch erstmals auf einen Bundesrat hinunter, wo man doch in der Politik zu solchen aufschauen soll.
Am 19.06.1987 wurde mein Traum wirklich. Mein langjähriger Kollege vom Verein TMZ, Dieter Glatz, und ich erwarben für einen sehr symbolischen Preis den angejahrten Hochlenkbus 239, um sogleich die schlimmsten Rostschäden bei der Carrosserie Tüscher beheben zu lassen.
Vorerst galt es aber für mich, nochmals die Schulbank zu drücken zwecks Erwerbung des «schweren» Führerscheins. Meine kaum 20jährigen Klassenkameraden konnten einfach nicht begreifen, weshalb ein Prokurist einen LKW-Fahrausweis erwerben wollte, und Fahrlehrer Eichenberger noch weniger, dass er mich nach nur vier Stunden Fahrpraxis zur Prüfung anmelden sollte. Vorher galt es aber noch, bei der «Roten Fabrik» eine umgefahrene Kettenabschrankung zu ersetzen, welche sich halt doch nicht als so solide erwiesen hatte, wie die Bauart des Hochlenkbusses.
Als erstes wurde der Wagen mit viel Eifer und mit noch viel mehr Seife und Politur optisch aufgemöbelt; die fehlende rote Erkennungsmarke «FBW» mitten auf der Front spendete in verdankenswerter Weise die PTT-Direktion in Bern. Dem Dieb der fehlenden Plakette werde ich noch übers Grab hinaus dankbar sein, dass er den einmaligen handgefeilten «Tüscher-Schriftzug» nicht auch noch hatte mitlaufen lassen. Die Innenraumdecke wurde gespachtelt und neu gestrichen; selbt die hintersten Ecken hoch oben auf der Fahrerkanzel wurden «von schlanker Hand» nicht verschont. Die Bestuhlung war enorm verschmutzt; für die Aufpolierung der Aussenwände hätten wir nur schon der Geduld wegen einen Orden verdient.
Der Wagen war kaum ein Jahr in unserem Besitz und immer noch in Arbeit. als mich der Leiter des Garagedienstes VBZ, Herr J. Seidenglanz, anlässlich eines Busausflugs in die Garage Hardau schalkhaft fragte, ob ich auch noch an einem FBW-Standardbus der Serie 51 UV interessiert wäre, denn die letzten beiden Nr. 323 und 324, seit Jahren als so genannte «Päcklibusse» ausser Betrieb, würden ausgemustert.
Mein Kollege Dieter, bei solchen Transaktionen wie üblich in den Ferien, musste per Eilbrief davon Kenntnis nehmen, dass ich wiederum mit schnellem Entschluss, am 06.10.1988, eines der wirklich (wenigstens äusserlich) gut erhaltenen Fahrzeuge gekauft hatte - und dies zulasten unseres mühsam angehäuften Solidaritätsfonds. Zuerst nicht schlüssig, habe ich mich schliesslich für die Nr. 324 entschieden.
Obwohl äusserlich in gutem Zustand, kam die Ernüchterung ob des desolaten Innenraums während der Überführung ins Domizil; insbesondere die fehlenden Sitze, die herunterhängende Decke sowie das russige, fettige Interieur dämpften meinen Optimismus. Doch wie so oft sich Probleme von selbst lösen: die fehlenden Sitze konnten jedenfalls nach vielen erfolglosen Telefonaten endlich bei einem Bauern in Erstfeld aufgestöbert werden, der seine Schafe in einem ausgedienten Zürcher Bus zwischenwinterte.
Die Aufarbeitung der beiden Busse nahm sehr viel Zeit in Anspruch; je nach Aufwand und Lust arbeiteten wir einmal an der Nr. 239 bzw. 324. Allerdings wurde uns beiden bald klar, dass Bus 324 des besseren Zustandes wegen eine mustergültige Restaurierung wert war. Auch trösteten wir uns bei Nr. 239 damit dass, obwohl wertvoller Prototyp, die VBZ immerhin noch die Nr. 250 des gleichen Typs garagiert hatten. Zudem besassen die VBZ keinen Standardbus der Marke FBW mehr, im Gegensatz zu einem solchen des Fabrikates Saurer. Diese Gründe gaben denn auch den Ausschlag für forciertes Arbeiten am Bus 324.
In unserer bescheidenen Remise (einer alten feuchten Scheune) wurde bei engsten Platzverhältnissen zwischen Pferdebox und eingelagertem Stroh und manchmal schon fast unzulässigen Minustemperaturen an den Fahrzeugen gebohrt, geschliffen, poliert und gemalt. Da wir alleine waren. gab es auch keine Schwierigkeiten mit Nachbarn; lediglich die Feuerpolizei interessierte sich einmal für den Flammpunkt von Dieselöl. Nachdem man uns noch auf allfällige Gefahren des Rauchens aufmerksam gemacht hatte, ergaben sich ausser Mäusekot. Fledermäusen und Feuchtigkeit keine Schwierigkeiten mehr. Mit grosser Sachkenntnis und viel Akribie entstand aus Altem Neues, aus Schmutzigem Sauberes. Wir erinnern uns hier ungern an den schwarz gewordenen Korkboden, welcher sich nur noch unter Zuhilfenahme von Seifenstahlwatte behandeln liess. Ein schöner brauner Belag kam zum Vorschein - wir dagegen sahen nachher aus wie die Mohren. Die Beschaffung der fehlenden Endzieltransparentbehälter bei Bus 239 war kein leichtes Unterfangen; schliesslich einigten wir uns auf ähnliche Behälter aus ausgedienten Kursfahrzeugen der Verkehrsbetriebe Baden - Wettingen und solche für die seitlich angebrachten Liniennummern aus alten Büssingbussen.
In Anbetracht der möglichst originalgetreuen Restaurierung mussten zuerst die Fragmente der Funkeinrichtung entfernt werden. Abgesehen von Erfahrung, Spezialwerkzeugen und dergleichen fehlten uns die Elektropläne: weiss der Kuckuck, wozu die vielen losen und oft einfach abgezwackten Kabelenden dienen mochten. Das Auswechseln der Dachverschalung des Busses 324 stellte höchste Ansprüche an genaues Arbeiten, die endlos vielen, farbverklebten Schrauben mussten alle freigelegt und entfernt werden. Viele Dutzend Stunden erforderte auch das Polieren und Aufarbeiten der oftmals bedenklich angelaufenen Haltestangen, das Auswechseln von Schaltern, einziehen neuer Drähte und was der Tausende anderer Dinge mehr waren. Hunderte angerosteter, verzinkter Schrauben mussten durch solche aus verchromtem Material ersetzt werden; was Wunder, wenn wir anderntags mit Blasen und schwarzen Fingernägeln zur Arbeit erschienen.
Viel Arbeit kostete auch die Restaurierung der durch Säure angefressenen Batteriekasten, der Ersatz der ausgeleierten Kugellager für die Türführungen sowie das Einpassen der von Bus 303 übernommenen Sitzgarnituren. Leider konnten die fehlenden Kondukteursitze nicht mehr rekonstruiert werden, doch die beiden zusätzlichen Sitze waren uns sowieso willkommen, zumal mangels Konzession die Busse über keine Stehplätze verfügen dürfen.
Der ganze Innenraum wurde völlig neu gestrichen; besondere Aufmerksamkeit liessen wir dem Führerstand angedeihen. Als kleine Konzession zur optischen Verbesserung ersetzten wir den vordersten «Nur-Lüfter» gegen einen der im Hinterraum üblichen «Lampen-Lüfter» und schliesslich den störenden Blendschutz oberhalb des Führersitzes durch eine nun höherreichende, blaue Trennscheibe. In beiden Bussen wurden die gesetzlich vorgeschriebenen Fahrtschreiber sorgfältig an versteckter Stelle angebracht, um die vorhandenen Restwegschreiber optisch nicht zu konkurrenzieren.
Die VBZ haben uns verdankenswerter weise immer unterstützt, sind doch sämtliche aufwendigen Malerarbeiten, welche die Spritztechnik erforderten, in deren Werkstätten ausgeführt worden. Auch die Beschriftung ist wieder wie 1954 ausgefallen, sogar der schöne «Silberleu» hat bei Nr. 324 wieder seinen ursprünglichen Platz eingenommen. Die jüngere Arbeiterschaft der VBZ hat mit ihrem spontanen Einsatz denn auch bewiesen, dass auch nicht alltägliche «Patientern» in ihren Hallen willkommen sind. Mit Bravour hat sie beide Busse kritisch unter die technische Lupe genommen und, wo nötig, Bremsen, Achslager. Öle für die Aggregate usw. ersetzt. Entgegenkommenderweise haben uns die VBZ in Anbetracht der Wünschbarkeit der Erhaltung der Fahrzeuge denn auch einen annehmbaren Stundenansatz in Rechnung gestellt. Die Restaurierung des Busses 324 ist praktisch abgeschlossen, bei Bus Nr. 239 wäre ein Aussenanstrich mit neuer (alter) Beschriftung gelegentlich fällig. Vorsorglicherweise wurden dessen Schiebefensterchen aus dem Abbruchbus 240 eingelagert.
Da es nie das Ziel von Dieter Glatz und mir war, die Busse als unser ewiges Eigentum zu betrachten, sondern uns immer deren Erhaltung als Veteranen im Vordergrund stand, gehen sie als Erzeugnisse verschwundener Schweizer Nutzfahrzeughersteller wieder in die Bestände der VBZ zurück. Die investierte Arbeitszeit und ein beträchtlicher Teil der Kosten ist uns die schonende Erhaltung in besseren Unterkünften wert. Als Auflagen der Restauratoren müssen die Busse in die Bestände der historischen Fahrzeuge eingereiht und betreut werden. Sie sind letzte Vertreter einer ehemals das Zürcher Stadtbild belebenden Busgeneration.
Vielleicht erinnert sich einmal der eine oder andere Leser dieser Zeilen beim Mitfahren in diesen Bussen bei besonderer Gelegenheit daran, dass oftmals Privatinitiative die historischen Fahrzeuge der VBZ erhalten hat, wie dies auch bei den Tramveteranen des Vereins TMZ der Fall ist. Sollte dies gar ein Ansporn für ein Arbeiten an weiteren noch remisierten Pneufahrzeugen sein, wäre das Ziel von Dieter Glatz und mir erfüllt - die Erhaltung nicht nur von Strassenbahn -, sondern auch von Pneufahrzeugen.
Peter Kamm
Letzte Änderungen: 30.08.2006
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