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Wiedergeburt eines Elefanten

Aus der VBZ-Personalzeitschrift "Kontakt", 4/1975

Am Abend des 4. Juli 1975 wunderten sich viele Zürcher, die in Wollishofen, an der Seestrasse, am Paradeplatz, am Central auf «ihren» Siebner warteten, über einen etwas ungewöhnlichen Tramzug, welcher an ihnen vorbeifuhr. Zwar trug er auch schwarze Nummern- und Linientafeln der Linie 7. und im Zug befanden sich Passagiere, doch bedeuteten diese jedem, der glaubte einsteigen zu dürfen, dass es sich hier um eine Extrafahrt handle. An den verdutzten Gesichtern der Aussenstehenden war gut abzulesen, dass sie aus dem Geschehen nicht recht klug wurden: handelt es sich hier um einen Scherz oder herrscht bei den VBZ gar Rollmaterialmangel? Nun, keines von beiden war der Fall; es handelt sich um einen historischen Strassenbahnzug. der vom Verein Tram-Museum Zürich in Zusammenarbeit mit den VBZ restauriert worden war. Aus Anlass der Fertigstellung fand denn auch die Fahrt vom 4. Juli statt.

Vielen Zürchern ist wohl der schwere Vierachser, der seiner grossen Kraft wegen schon bald den Übernamen «Elefant» erhielt, sicher noch in guter Erinnerung. Insgesamt 50 Wagen dieses Typs kamen in den Jahren 1929 - 1931 bei der damaligen «Städtischen Strassenbahn Zürich» (St.St.Z) zur Ablieferung und bildeten während Jahrzehnten das Rückgrat des Rollmaterialparkes. Während rund dreissig Jahren beherrschten sie das Bild vornehmlich auf den Linien 7, 10 und 13. Mit der zunehmenden Modernisierung der Fahrzeuge wanderten sie auf andere Linien ab und ihr Einsatz wurde seltener. Letztmals im Jahre 1971, nach der vollständigen Umstellung auf kondukteurlosen Betrieb, verkehrte ein Wagen dieses Typs in fahrplanmässigem Dienst. Im Sommer 1967 begann der Abbruch der ersten Wagen dieses Typs und in den folgenden Jahren wurde diese Aktion fortgesetzt. Heute sind von der stolzen Flotte nur noch ganze fünf Wagen übrig geblieben. Gelegentlich sind sie noch auf Dienst- oder Extrafahrten unterwegs anzutreffen, und ihr Erscheinen ist heute schon eine kleine Sensation. Der im Jahre 1967 gegründete Verein Tram-Museum Zürich hat es sich zum Ziele gesetzt, in Zusammenarbeit mit den Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich, unter anderem repräsentative Fahrzeuge der Zürcher Strassenbahnen zu restaurieren und in fahrbereitem Zustand zu halten. In dieses Programm gehört selbstverständlich auch die Erhaltung eines «Elefanten», und so wurde denn der Wagen 321 dafür vorgesehen.

Die Arbeitsgruppe des Vereins Tram-Museum Zürich kommt jeweils jeden Samstag tagsüber und jeden Mittwoch abends zusammen, um an den alten Wagen zu arbeiten. Es handelt sich also um eine Freizeitbeschäftigung. Anfang 1973 hat dieses Team mit den Restaurierungsarbeiten begonnen, und im Mai dieses Jahres haben sie ihren Abschluss gefunden.

Wie umfangreich diese Arbeiten waren, ist aus folgender Übersicht zu ersehen: Äusserlich musste durch Änderung der Seitenverblechung das alte Aussehen wieder hergestellt werden; es entstand also wieder das durch ein Leistenprofil abgetrennte untere weisse Schriftfeld mit der damals üblichen Bezeichnung «Städtische Strassenbahn». Zusammen mit den wieder angebrachten weissen Zierlinien gewann der Wagen seine frühere Eleganz zurück. Besonders umfangreich gestaltete sich die Erneuerung des Wageninnern. Dieser Arbeitsteil wurde vom Verein Tram-Museum übernommen, während die oben geschilderte Aussenrenovation von den VBZ ausgeführt wurde. Im Inneren wurden die Sitzbänke ausgebaut und die weiss gestrichene Pavatexverkleidung an der Decke entfernt und die Dachlatten somit freigelegt. Türen ausgehängt. Lampen und Messingbeschläge demontiert. Das ganze umfangreiche Holzwerk wurde gereinigt, geschliffen und neu lackiert. Defekte Teile mussten ersetzt werden. Daraufhin konnten die erneuerten Holz- und Metallteile wieder zusammengebaut werden. Zusammen mit den Reinigungs- und Malerarbeiten auf dem Dach hat die Arbeitsgruppe des Vereins Tram-Museum Zürich innert 2 ¼ Jahren einen Aufwand von 3778 Stunden geleistet. Heute präsentiert sich der Wagen in seiner alten Herrlichkeit und stellt ein besonders wertvolles Schmuckstück in der Kollektion der historischen Strassenbahnwagen dar.

Die «Elefanten» machten ihrem Namen alle Ehre, waren sie doch durchaus in der Lage anstandslos bis zu drei vollbesetzte Anhänger selbst auf Strecken mit Steigung zu schleppen. Diese Leistung musste allerdings mit einem enorm hohen Eigengewicht von rund 27 Tonnen erkauft werden, ein Umstand. der zugegebenermassen nicht gerade zur Schonung der Geleise beitrug. Als Nachteil wurde auch das verhältnismässig kleine Platzangebot empfunden. Die Praxis der früheren Jahre zeigte allerdings. dass das Fassungsvermögen beträchtlich über den angegebenen Platzzahlen lag, was allerdings auf Kosten der Bequemlichkeit ging.

Während ihren rund vierzig Dienstjahren haben diese Wagen praktisch keinerlei Veränderungen und Modernisierungen erlebt. Sie waren an sich derart vollkommen erbaut, dass solche Massnahmen sich nicht als nötig erwiesen.

Es darf wohl ohne Übertreibung gesagt werden, dass der schwere Vierachser zusammen mit dem dazupassenden Anhänger 626 als einer der schönsten Tramzüge bezeichnet werden kann und die Erhaltung dieses würdigen Repräsentanten alter Wagenbaukunst rechtfertigt.

Josef Balen

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Letzte Änderungen: 30.09.03


Skizze Tramzug

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