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Drahtseilbahn zumReichenbachfall

Der Umschlag zum Buch100 Jahre, 1899 - 1999

Bei Meiringen (Haslital im Berner Oberland, SBB Brüniglinie) existiert seit der Eröffnung am 21.7.1877 die Drahtseilbahn zum Reichenbachfall. Dabei handelt es sich um ein bemerkenswertes Kleinod!

Die Bahn ist als Standseilbahn eingleisig mit Ausweiche nach System Abt1 erstellt. Der elektrische Antrieb befindet sich in der kleinen Bergstation. Die Trassierung über den Reichenbachfall ist jedoch spektakulär. Länge: 714 m, Horizontale Bahnlänge: 662 m, Höhendifferenz: 244 m, Fahrzeit 7 Min., 2 Wagen zu 24 Plätzen.

Eine typische Bahn, zur Erschliessung von touristischen Zielen.

Standseilbahnwagen nach der Revision
Foto: P. Werren

Das Besondere ist nun aber, dass die Wagen der Bahn zum Jubiläum originalgetreu renoviert wurden. Das Wort orginalgetreu muss besonders betont werden, denn das was man sieht, stellt es nicht nur dar, sondern ist es jeweils auch. Die Wagenkästen wurden neu wieder aus Holz aufgebaut. Also, keine Leichtmetall – Schweisskonstruktion im Oldi – Outfit! Die Liebe zum Detail ist deutlich sichtbar. Beispielsweise sind alle Messingschraubenschlitze genau ausgerichtet, Nieten sind funktional richtig, die Stoffvorhänge sind aus Stoff, keine Beleuchtung, die Türen werden von Hand geschlossen und in den Stationen im geöffneten Zustand mit Lederriemen gesichert, Kunststoff und Gummiteile gibt es nicht, keine „komforterhöhenden" Scheiben, etc. Einziger sichtbarer Kompromiss zur heutigen Zeit, sind die diskreten Funkgerätehalterungen auf den Plattformen.

Das Bahnpersonal verkauft an den Endstationen die Billette ab Kondukteurumhängetasche (meist auf der Plattform angehängt) und befindet sich während der Fahrt jeweils auf der vorderen offenen Plattform. Mittels einer auf jeder Plattform mitgeführten Holzstange mit Kontaktstück kann die Bahn gestoppt werden. Die Stange wird von Hand an die seitlich der Bahn vorhandene Freileitung herangehalten, so dass eine elektrische Verbindung zum Wagen entsteht und dadurch der Antrieb (50 PS) in der Bergstation anhält.

Die Wagen sind mit Zangenbremsen als Notbremse ausgerüstet. Um sie einzeln zu lösen, benötigt man die riesigen Schraubenschlüssel, die auf der jeweils bergseitigen Plattform gelagert sind.

Schon die Talstation wirkt pittoresk. Einige Erklärungen zur Bahn sind vorhanden.

Die Bergstation überrascht besonders. Ein kleines „Museum" über die Bahn erfreut einem und ein guter Einblick in den beleuchteten Maschinenraum tut das seine. Der mechanische Teil stammt von 1930 (Eisengiesserei Bern) und der elektrische Teil von 1957 (MFO). Dafür gibt es keine Stärkungsmöglichkeit, aber ein kleiner Marsch zum oberen Ende des Reichenbachfalls mit Restaurant rundet die Besichtigung bestens ab.

Vergessen wir‘s nicht, dabei ist immer auch der Reichenbachfall selbst sehr sehenswert! Eine Bahn, derentwegen sich eine Reise nach Meiringen lohnt.

Heute erreicht man die Talstation ab Bahnhof Meiringen zu Fuss (15 – 20 Min.) oder per Bus.

Vom 24.8.1912 – 16.9.19562 existierte die meterspurige Strassenbahn Meiringen – Reichenbach – Aareschlucht (MRA), so dass im Sommer ein direkter Zubringer vorhanden war. Die Bahn war 2772 m lang und im Besitz von drei Motorwagen Ce 2/2 1 – 3 (SWS / MFO) und vier offenen Sommerwagen C2 21 – 24 (SWS). Von der Bahn ist nichts mehr zu sehen, die Wagen sind alle abgebrochen.

Bemerkenswerter weise verkehrten 1912 zwei Albisgütlibahnwagen (Nr. 4 und ?) bei der MRA, da die eigenen Wagen noch nicht fertiggestellt waren.

Gegen Ende des ersten Weltkriegs, fuhren Sonntags in der ganzen Schweiz keine dampfbetriebenen Personenzüge, um Kohle einzusparen. Die MRA war eingestellt, da der Tourismus am Boden lag. Dafür verkehrten vom 18./21.5.1918 – 25.6.1919 die Wagen Ce 2/2 1 – 3 mietweise bei der Städtischen Strassenbahn Zürich. Die Wagen wurden provisorisch als Ce 2/2 301 – 303 bezeichnet und fuhren Sonntags auf der LSB – Strecke Marienstrasse (Bahnübergang Badenerstr.) bis Dietikon. Der Andrang dürfte dementsprechend gross gewesen sein. Leider ist darüber nichts erhalten. Die Breite der Wagen war 2.25 m3 und nicht wie die Wagen der LSB und der StStZ nur 2.00 m4. Dadurch war ihr Einsatz nur beschränkt möglich. Wahrscheinlich war die Strecke nach Dietikon die einzig praktikable.

Übrigens, ist am Reichenbachfall Sherlock Holmes5 zu Tode gestürzt! Er wurde nie gefunden, jedoch hinterliess er deutliche Spuren.

Zum Jubiläum erschien das passende Buch, verfasst vom heutigen Betriebsleiter. Gut und ausgewogen und mit genauer Recherche, wurde die ganze Geschichte sowie Renovation umfassend dargestellt geschrieben, treffend bebildert und mit aufschlussreichen Originaldokumenten versehen. Einiges erfährt man auch zum Umfeld der Bahn. Dies in sauberer Aufmachung und Liebe zum Detail.

Auch das Buch, ein Kleinod.

Jürg D. Lüthard

1 Roman Abt: Dr. h.c. TH Hannover & Dr. h.c. ETH, Maschinening.,16.7.1850 – 1.5.1933
2 Schienennetz Schweiz, Ein technisch – historischer Atlas
3 Verzeichnis des Rollmaterials der Schweizerischen Privatbahnen, 1950, Herausgegeben vom Eidg. Amt für Verkehr
4 Breite bei der StStZ max. 2.00 m, ab 1919 max. 2.20 m
5 Bekannte Romanfigur (Detektiv) von Arthur Conan Doyle, Buchtitel: „Der letzte Fall"

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Letzte Änderungen: 30.08.2006


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